„Kolumbien: Frieden – wie geht das?“ Nachlese

Kolumbien

2020 hätten Luisa Acosta, Fabio Mesa und Nelson Restrepo auf Einladung von Welthaus Österreich besuchen sollen. Corona hat diese Reisen unmöglich gemacht und unsere Arbeit für die Länder des globalen Südens verändert. Um uns dennoch mit den Erfahrungen der drei kolumbianischen FriedensaktivistInnen beschäftigen und uns mit Ihnen austauschen zu können, verlegten wir den Besuch Anfang Dezember in den virtuellen Raum – mit zahlreichen ZuhörerInnen und großen Erfolg!  

Nachlese von Mag. Michaela Spritzendorfer-Ehrenhauser 

Vor fünf Jahren, im November 2016, ist in Kolumbien ein Friedensvertrag zwischen der Regierung und der FARC, der größten Guerilla-Organisation des Landes unterzeichnet worden. Damit hätte ein Schlussstrich unter einen 5 Jahrzehnte dauernden blutigen Bürgerkrieg gezogen werden sollen. Der damalige Präsident Juan Manuel Santos bekam für diesen Vertrag 2016 sogar den Friedensnobelpreis.  

Frieden ist aber mehr, als nur die Abwesenheit von Krieg. Der Weg vom Konflikt zu stabilen, demokratischen Verhältnissen ist nicht leicht. Dazu braucht es die Aufarbeitung der Geschehnisse, die ehrliche Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit, aber vor allem Versöhnung und Vergebung. Nach mehr als 50 Jahren bewaffnetem Konflikt beginnt Kolumbien gerade von Neuem. Wie Friede in Kolumbien gelingen kann, darüber sprachen Luisa Acosta, Fabio Alonso und Nelson Restrepo mit Moderatorin Ulla Ebner (Ö1). 

Luisa Acosta ist Historikerin, Gastronomie-Beraterin und Slow Food-Köchin in Kolumbien. Durch ihre langjährige Erfahrung in der Wiederentdeckung der Vielfalt traditioneller kolumbianischer Küche, weiß sie um den Zusammenhang von Ernährungssouveranität und Frieden.   

„Nach wie vor ist Landbesitz in Kolumbien ausgesprochen einseitig verteilt: gerade einmal 0,4% Prozent der Landeigentümer besitzen über mehr als 61 Prozent des privaten Landes, während sich 97% der Kleinbäuer*innen weniger als ein Viertel des Landes untereinander aufteilen müssen.“  

Luisa Acosta (links) bei einem Kochworkshop (C: Luisa Acosta)
Luisa Acosta (links) bei einem Kochworkshop (C: Luisa Acosta)

Sie berichtete über den Zusammenhang zwischen dem bewaffneten Konflikt und der damit verbundenen Nahrungsmittelkrise in Kolumbien, die wieder einen Nährboden für Gewalt bildet Ursprünglich ging es bei der Gründung der FARC-Guerilla um Kleinbauern, die eine Agrarreform gefordert haben, denn seit der Ankunft der Spanier vor rund 500 Jahren zieht sich der gewaltsame Konflikt um Boden und Ackerland wie ein roter Faden durch die kolumbianische Geschichte.  

Nelson Restrepo ist Soziologe, Dokumentarfilmer und hat einen Master in Raumordnung. Seit vielen Jahren ist er Koordinator des Arbeitsbereichs BürgerInnenschaft zum Umweltschutz der Organisation Conciudadania, eine Partnerorganisation der österreichischen Dreikönigsaktion, in der Region rund um Medellín. Nelson begleitet politische Teilhabeprozesse auf Gemeindeebene und setzt sich für Umweltthemen ein. Seine These: eine partizipative Stadtplanung und Raumordnung stärkt eine umweltbewusste BürgerInnenschaft. Zu den wirtschaftlichen und sozialen Problemen in Kolumbien kommen Probleme durch die geopgraphische Lage und die Konflikte in den Nachbarländern. „Kolumbien ist das Land mit den meisten Binnenvertriebenen weltweit – mehr als in Afghanistan. Über 8,3 Millionen Flüchtlinge versuchen in Kolumbien zu überleben, dazu kommen nochmals ebenso viele KolumbianerInnen, die offiziell als Opfer der gewaltsamen Auseinandersetzung gelten.“ Alleine solche Rahmenbedingungen stellen Regierung und Behörden vor riesige Herausforderungen, wie Nelson Restrepo berichtete.  

Aida Jacanamejoy, indigene Abgeordnete in Putumayo an der Grenze zu Ecuador. (Credit: Fabio Mesa)
Aida Jacanamejoy, indigene Abgeordnete in Putumayo an der Grenze zu Ecuador. (Credit: Fabio Mesa)

Fabio Mesa ist Politikwissenschafter und Berater der öffentlichen Verwaltung. Vor allem arbeitet er als Erwachsenenbildner mit direkt Betroffenen des Bürgerkriegs. Er koordiniert Projekte unter anderem für die Organisationen SERCOLDES, die Stiftung Kolumbianischer Dienst für Soziale Entwicklung und FUNDECOS, eine Partnerorganisation der Katholischen Frauenbewegung – Aktion Familienfasttag. Wichtige Themen seiner Arbeit sind politische Bildung, Menschrechte, Bildung und Frieden sowie Gendergerechtigkeit. Er berichtet von den Fortschritten in der Gesetzgebung die in den letzten Jahren erzielt wurden. Kolumbien habe alle aktuellen internationalen Verträge ratifiziert und erhebliche Fortschritte bei Gesetzen zum Schutz von Frauen und Opfern von Gewalt gemacht. „Die politische Teilhabe von Frauen ist ein Schlüssel zum Frieden und daher sehr wichtig. Gestützt auf eine Resolution der Vereinten Nationen ist es der kolumbianischen Frauenbewegung gelungen, 122 Maßnahmen zur Gleichstellung der Geschlechter in das Friedensabkommen zwischen der FARC und der kolumbianischen Regierung aufzunehmen. Die Ermächtigung von Frauen, die besonders von Arbeitslosigkeit und Ausbeutung betroffen sind, ist besonders wichtig!“, betonte Fabio Mesa. Fabio präsentierte das Buch „Fifty Faces and Lives of Women Leaders“, das 50 Frauen aus 8 Departements Kolumbiens portraitiert, die täglich ihr Leben riskieren, im Kampf für soziale Gerechtigkeit, gleiche Rechte oder gegen die Umweltzerstörung. 

Gruppe von weiblichen Führungskräften für einen Frieden ohne Gewalt gegen Frauen (C: Fabio Mesa) 
Gruppe von weiblichen Führungskräften für einen Frieden ohne Gewalt gegen Frauen (C: Fabio Mesa)

Nach den Beiträgen der drei kolumbianischen FriedensaktivistInnen wurde angeregt diskutiert und Fragen aus dem Publikum beantwortet, die zu neuen Einblicken in die komplexe Situation in Kolumbien verhalfen. Auch die Vortragenden waren sichtlich erfreut über das Interesse an ihren Ausführungen und dem transkontinentalen Austausch. 

Wir von Welthaus wollen diese wichtigen Kontakte weiterhin pflegen und möchten Sie ermutigen, an den angebotenen Webinaren bei nächster Gelegenheit persönlich teilzunehmen – denn auch der rege Austausch von Ideen und Gedanken ist ein Beitrag zum Frieden.